Konfirmandenzeit als Ritualisierung unter Gleichgebildeten

„Was machen wir hier eigentlich?“, frage ich mich, diesmal besonders akut bei einer Zoom-Besprechung. Wir bereiten einen Schnupper-Konfer-Tag vor, überlegen, ob es Konfer oder Konfa heißen soll. Ich schlage Konfirmandenzeit vor. „Klingt zu langatmig“, sagt meine Teamerin. „Konfirmandenarbeit?“ – „Ab in die Mine!“. „Auf jeden Fall sollten wir den Mythos ausräumen, dass Konfer irgendwas mit Frontalunterricht zu tun hat“, wirft ein anderer Teamer, live aus Paderborn, ein. Ich lächle und klicke das Daumen-Hoch-Symbol an.

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Genauso sehe ich das auch. Dachte ich jedenfalls immer. Bei der Konfirmandenzeit – ja, hier darf ich mein eigenes Wort benutzen – geht es (mir) nicht vordergründig um das Vermitteln von Wissen. So habe ich immer gearbeitet. Meine beiden theoretischen Säulen sind und waren Paulo Freires Pädadogik der Unterdrückten und Jacques Rancières Der unwissende Lehrmeister. So habe ich Konfirmand*innen bis zur Konfirmation begleitet. Ich weiß nicht mehr über Religion als die Konfis. Ich spreche nur eine andere Sprache über einen geteilten Erfahrungsbereich. Ich vermittle nichts. Ich habe keinen Wissensvorsprung. Ich schütte nicht Wissen in leere junge Köpfe, als ob das vorher noch nicht da wäre. Ich offenbare nicht Gott, als ob er das nicht schon im Leben von jungen Menschen getan oder eben noch nicht getan hat, sondern auf mich gewartet hätte.

Wir planen den Schnupper-Konfer (sic!) nicht als Info-Veranstaltung, sondern als Erfahrungsaustausch. Die Teamer*innen sollen von den Highlights erzählen. Und ich hätte gerne noch was zum Machen und Anfassen, das sie dann auch wirklich vor Ort erleben können – also, wie man sonst so sagt, was Spirituelles. Meine Kollegin schlägt vor, was mit Taizé zu verbinden: Christus , dein Licht verklärt unsere Schatten. Aber das können die (noch) nicht. Ich schlage vor Kerzen anzuzünden. Aber mit welchen Worten? Wir grübeln. Und grübeln … Dann eben ohne Worte. Die Kerze kann nur für sie selbst stehen. Und sie können sie mit Worten oder Gebeten anzünden, mit Erinnern oder Gedenken oder mit Wünschen.

Am Ende machen wir das so. Und die Neu-Konfis zünden dann ein paar Tage später, bzw. am Ende ihrer ersten Begegnung mit uns und den Teamer*inne und einander still Kerzen an. Und ich denke: Mh. Vielleicht wäre das eine tiefergehende Erfahrung, wenn es Worte gegeben hätte. Wenn wir ihnen erstmal Worte vorgegeben hätten, die nicht ihre sind und in die sie reinwachsen können. Mit anderen Worten überlege ich, ob wir nicht doch mehr Unterricht machen sollten, von Worten und Gesten, die die Konfis nicht selbst erreicht, erlebt oder erfahren haben, die ihnen fremd sind und die für sie wenig bedeuten und in die sie noch reinwachsen. Bibelkunde, Geschichte Israels, Auswendiglernen.

Ich denke, während da einer nach der anderen langsam eine Teekerze anzündet: Mh. Vielleicht müssen wir doch religiöses Wissen vermitteln, Vokabular, Deutungen. Schließlich maßen wir uns an, Erfahrungen mit religiöser Sprache besser deuten zu können, als das ohne diese Ressource möglich wäre. Stichwort Gräb. Kann man machen. Und an Inhalte können sich selbst die Teamer*innen auch nicht mehr so richtig erinnern. Eher an die Gemeinschaft. Gemeinschaftserfahrung als Kern von Konfirmandenzeit. Kann man auch machen.

Aber was ich in dieser, zugegeben lang erzählten Episode merke, ist, dass wir natürlich Wissen vermitteln, wenn wir Zeit mit Konfirmand*innen verbringen. Aber eine andere Sorte von Wissen. Ich glaube – gerade (wer weiß wie lange) – dass wir praktisches religiöses Wissen vermitteln. Oder nein, nicht vermitteln, zusammen einüben. Das ist nichts anderes als das, was performativer Religionsunterricht versucht, aber nicht so recht darf, zumindest nicht unter Berliner Bedingungen, weil religiöse Praxis zu tun unter das Überwältigungsverbot fällt. Im RU kann man Praxis anschauen und reflektieren.

Konfer ist aber nichts anderes als das Ein-Üben evangelisch-christlich-religiöser Praxis. Und das verbindet sich mit meiner Überzeugung, dass jungen Menschen nicht Kognitives, Formalwissen für ein Leben mit Gott fehlt, sondern – praktisches – Wissen, das sie nicht so richtig lernen können, sondern üben. Die lange Linie von Platon und Aristoteles über Marx bis Anscombe und Ryle kriege ich jetzt hier nicht unter. Aber es ist ungefähr klar, was das sein soll: praktisches Wissen. Tunwissen, wie geht es, was bringt es, was brauch ich dafür. Das ist ein anderes Lernen als Frontal, das macht Konfer zum Dauerexperiment mit religiösen Dingen, Bewegungen und dann hoffentlich auch Worten. Ich will, dass meine Konfis fähig sind, zu beten, anzuhalten, sich zu entspannen. Ich will, dass sie sich im Kirchenjahr wohlfühlen und es für sich benutzen können. Ich will, dass sie zu Predigten gehen und die hören, weil sie gelernt haben, wie sie das trösten kann. Ich will, dass sie Lebenstechniken und Rituale erlernen. Und mehr will ich eigentlich gar nicht mehr machen im Konfer. Das ist überhaupt nichts Neues. Aber mein Stand der Dinge.

Wenn man das radikal mit Rancière angehen würde, hieße dass: Konfer beginnt damit, dass wir in einer Kirche eine Kerze anzünden. Dass wir das wiederholen und alles andere drum herum, also Konfer komplett, darauf aufbauen. Wie macht man das? Warum? Was ist da drauf auf der Kerze? Warum? Was soll das mit dem Licht? Ich würde ÜBERHAUPT nichts dazu geben, was nicht gebraucht oder erfragt wird von den Konfirmand*innen. Das mag zu radikal sein, aber ich denke gerade nach dieser Überlegung meine Planungen neu durch.

Mein Vorschlag und mein Ansatz ist also: Konfirmandenzeit ist Ritualisierung. Ritualtheorie ist mal mehr mal weniger in der Theologie eingeträufelt. Ich bin der Ansicht, dass Gottesdienst Ereignis und je neues ist und weniger Ritual, weniger Wiederholung, mehr Performanz. Aber Konfer ist das Lernen von Ritual, das Lernen von Wissen, das nötig ist, um ein Meister der Ritualsammlung zu werden, die sich Christentum nennt. Viel mehr nicht.

Konfer ist Ritualisierung. Ich will mich dafür an Christine Bell und Ronald Grimes orientieren. Normalerweise kämen jetzt Fußnoten und Zitate. Ich mache es kürzer. Bell sagt, Ritualisierung ist das Konstruieren von besonderen Handlungen als besonders, nicht unbedingt zweckfrei, aber eben auch nicht alltäglich. Ritualisieren als aktives Verb bedeutet, Rituale zu erlernen und zu gestalten. Weil es aktiv und verbal gemeint ist, bedeutet es auch, selbst Rituale weiterzukonstruieren. Eigene Rituale zu erfinden, zu kombinieren. Sodass Leben gelingt. „Synkretismus!“ schreit es aus dem Staubwald! Finde ich nicht. Grimes sagt, zusammen Rituale erfinden, transformiert Kinder und Jugendliche. Unterricht und Erziehung laufen wesentlich mit diesem Mechanismus.

Ritualisierung, so Bell, bedeutet dazu noch zwei Sachen. 1. Ritualisierung bedeutet Machtpositionen verhandeln, Deutungshoheiten, Handlungshoheiten. Ritualisierung will beherrschen, Frieden und Konsens herstellen oder Widerstand leisten. Ritualisierung objektiviert und verfestigt Machtverhältnisse. 2. Wer durch Ritualisierung – das Erlernen und Neuerfinden/Rekombinieren von Ritualen – Ritualmeister*in wird, kontrolliert und wird nicht kontrolliert, deutet und wird nicht gedeutet. Ritualisierung=Konfer ist damit Selbstermächtigung. Mit Ritualisierung arbeiten Konfirmand*innen an sich selbst, an ihrem Selbst, durch und mit den Techniken des Christentums. Wer religiös eine Kerze anzündet und damit z.B. zu Gott betet, hat die sozialen Strukturen und die Ordnung anerkannt und bestätigt, die damit einhergehen, wird stärker, weil der ritualisierende Akt selbst Macht, Selbst und Handlungsmöglichkeiten definiert. Schon in dem einen christlichen Kerzenanzünden steckt in nuce die Welt des Christentums und seiner Rituale.

Also: nicht Konfer nicht lehrerzentriert, aus Ritualen heraus, d.h. auf das Weitergeben von Werten der Gruppe, das Markieren von Übergängen der Gruppe im Kleinen und Großen, und mit dem Erfinden von Ritualen als Unterricht und Erziehung, als gemeinsames Lernen. Wenn ich Konfer um das Erlernen und gemeinsame Erfinden von Ritualen, um Ritualisierung herum strukturiere und plane, kriege ich alles zusammen: Keine Vermittlung von kognitivem Wissen als Wert an sich, Erlernen von praktischen Wissen im Tun, check. Erarbeiten von religiösem Wissen, wo es für religiöses Handeln und dessen Ineinander von Bewegen und Deuten nötig ist, check. Konfer als Gemeinschaftserfahrung – im gemeinsamen Durchleben von dem, was Christ*innen gemeinsam machen, im gemeinsamen Aneignen und Anreichern und Kombinieren und Weiterführen von christlichen Handlungen, check. Den Status quo hinterfragen und Widerstand leisten, Selbstermächtigung oder Frieden und Konsens finden, check. Kann man alles machen. Es fängt an mit einer Kerze

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